Interview mit André Mücke

An diesem Freitag konnte die Gazelle Young einen besonderen Gast im Konferenzraum auf dem Mediadeck begrüßen: André Mücke. Er ist Vizepräses der Handelskammer Hamburg sowie Geschäftsführer von DSA YOUNGSTAR. Seine Agentur ging aus einem Schülerzeitungsprojekt hervor, das er zu Schulzeiten in Bramfeld gegründet hatte. Das Interview führte die Gazelle Young Chefredakteurin Susana Almeida, die mit großem Interesse erfuhr, was die Handelskammer für Jugendliche alles macht und begeistert war, wie ihr Interviewpartner auch persönliche Fragen offen und direkt beantwortete.

Susana: Was ist die Handelskammer?
Herr Mücke: Die Handelskammer ist eine Mitgliedervereinigung, eine Institution in Hamburg. Sie ist das Sprachrohr der Hamburger Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, die Interessen der Unternehmen zu vertreten und gegenüber der Politik zu formulieren. Ihre Aufgabe ist es unter anderem auch, die duale Berufsausbildung mitzuorganisieren. Die Handelskammer führt beispielsweise die Prüfungen durch. Grundsätzlich setzt sie sich zudem sehr dafür ein, genügend junge Menschen für die duale Ausbildung zu begeistern.

Susana: Welche Steine können jungen Frauen mit Migrations- und Fluchthintergrund nach dem Schulabschluss in den Weg zur beruflichen Selbstständigkeit gelegt sein?
Herr Mücke: Welche Steine da gelegt sein sollen?! Ich hoffe keine! Das wäre natürlich das Schönste, wenn da gar keine Steine liegen würden. Ich glaube, es ist mittlerweile so, dass viele Unternehmen erkannt haben, dass man auch mit Geflüchteten sehr gute, gemeinsame Zukunftsperspektiven aufbauen kann. Es gibt viele Berufe, die auch von Geflüchteten mit vielleicht noch geringen Deutschkenntnissen sehr gut übernommen werden können. Es hängt immer davon ab, wie viel Deutsch man für einen Job braucht und natürlich gibt es Berufe, in denen man sehr gutes Deutsch sprechen muss. Aber es gibt auch die Berufe, in denen es ganz charmant ist, wenn man nicht nur Deutsch spricht, sondern auch andere Sprache kann. Ich denke hier an alle Berufe aus der Hotellerie, der Gastronomie, an alle, die mit Veranstaltungsservice und mit internationalen Geschäften zu tun haben. Auch im Außenhandel ist es sehr interessant, Mitarbeiter/innen zu haben, die nicht nur Deutsch sprechen. Wenn man zum Beispiel sehr gut Arabisch spricht und bei einem Unternehmen arbeitet, das Handel mit der arabischen Welt betreibt, dann kann das ein sehr großer Vorteil sein. Dafür ist es dann gar nicht wichtig, dass man fließend perfektes Deutsch kann, sondern vielmehr, dass man hier ankommt, dass man versteht, wie Prozesse ablaufen und wie das Arbeitsleben funktioniert. Dann kann die eigene Muttersprache für die Menschen selbst und für das Unternehmen ein großer Vorteil sein. Deshalb hoffe ich, dass kulturelle und sprachliche Unterschiede nicht als Schwäche sondern als Stärke gesehen werden.

Susana: Wie kann die Handelskammer sie mehr unterstützen?
Herr Mücke: Die Handelskammer hat hier tatsächlich mehrere Angebote. Wir haben zum Beispiel „Marktplätze der Begegnung“. Hier geht es darum, junge Menschen in Arbeit zu bekommen, ihnen aber zunächst zu zeigen, welche verschiedenen Jobperspektiven und Berufe es überhaupt gibt. Auf diesen Marktplätzen stellen sich Unternehmen vor und zeigen ihr Berufs-/ und Jobangebot. Ein anderes Angebot, das wir haben, sind die Kompetenzfeststellungen. Wenn junge Geflüchtete nach Deutschland kommen, dann haben sie häufig keine Papiere dabei. Wenn jemand beispielsweise aus Syrien nach Deutschland kommt und vielleicht nur einen Teil ihrer/seiner Unterlagen dabei hat, dann ist es erst einmal wichtig festzustellen, was dieser Mensch kann, wo ihre/seine Fähigkeiten liegen, wo die Fertigkeiten liegen und was die Interessen und Neigungen sind. Das machen wir in verschiedenen Feststellungsverfahren. Falls Geflüchtete bereits Zeugnisse dabei haben, kümmern wir uns auch darum, diese anerkennen zu lassen. Und wir versuchen herauszufinden, für welchen Job dieser Mensch geeignet wäre.
Danach begleitet die Handelskammer auch den kompletten Prozess der Integration hinein in die Unternehmen. Und es kommen auch Unternehmen zu uns, die mit Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund in Kontakt kommen wollen. Diesen Kontakt stellen wir dann her.

Susana: Die Handelskammer bietet Bewerbungstrainings in verschiedenen Muttersprachen an. Wäre es auch eine Überlegung, solche Trainings speziell für Frauen anzubieten?
Herr Mücke: Darüber kann man einmal nachdenken. Die Frage ist dabei natürlich immer: Gibt es da heute noch einen großen Unterschied? Benötigen Frauen ein anderes Bewerbungstraining als Männer??! Die Frage würde ich gerne zurückgeben. Wenn das nicht der Fall ist, muss man es nicht machen. Wenn das aber doch der Fall sein sollte, dann müsste man darüber nachdenken.

Susana: Welche Frauenförderungsprogramme hat die Handelskammer?
Herr Mücke: Wir setzen uns sehr dafür ein, Frauen auch in Führungspositionen zu haben. Selbst im Jahr 2017 ist es leider nicht selbstverständlich, dass Frauen in Leitungspositionen sitzen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Frauen dasselbe Gehalt bekommen. Und es ist auch nicht völlig selbstverständlich, dass Frauen dieselben Karrierechancen haben. Das geht nicht! Das ist etwas, das im Jahr 2017 kein Thema mehr sein dürfte. Wir haben zum Beispiel einen Award für „mixed Leadership“, mit dem wir zeigen möchten, dass es die Stärke eines Unternehmens ist, wenn sowohl Frauen wie auch Männer im Vorstand oder der Geschäftsführung sitzen. Das ist auch meine ganz persönliche Meinung.

Susana: Viele meiner Mitschüler/innen haben in den zwei Jahren AVM-Dual an einer Hamburger Beruflichen Schule nur den ESA, den ersten allgemeinbildenden Schulabschluss, geschafft. Viele haben bis jetzt noch keine Ausbildung gefunden. Wäre es möglich, dass sie zu Ihnen kommen?
Herr Mücke: Ja, das geht. Die Handelskammer bietet verschiedene Möglichkeiten der Jobvermittlung, des „Job-Matching“, an. Wir haben beispielsweise ein „Azubi-Speeddating“. Da kann man sich als junger Mensch anmelden, hingehen und kann sehr unkompliziert Unternehmen vor Ort kennenlernen. Eines der Grundprobleme ist ja häufig, dass eine Bewerbung, die man schreibt, nicht ganz perfekt ist und – obwohl man eigentlich ein ganz toller Typ ist – man schon in der Vorauswahl im Unternehmen rausfällt. Im Speeddating kann man dann ganz persönlich überzeugen. Ein anderes Instrument ist unsere Online-IHK-Lehrstellenbörse. Hier kann man ganz gezielt nach Angeboten suchen. Auch kann man sich bei unserem Aus- und Weiterbildungsservice melden. Und gute Anlaufstellen sind natürlich auch die Jugendberufsagenturen und die Agentur für Arbeit.

Susana: Wie sind Sie Vizepräses der Handelskammer geworden?
Herr Mücke: Ich hatte mir vor vier Jahren überlegt, dass ich gern im Plenum der Handelskammer wäre, weil ich gern mitgestalten, gern mitentscheiden würde. Ich möchte mich nicht nur aufregen, wenn etwas nicht gut läuft. Ich möchte es gern verändern. Ich stellte mich zur Wahl, wurde gewählt und habe alles drei Jahre lang miterlebt. Das hatte mir viel Spaß gemacht und ich merkte, dass ich gern noch mehr mitgestalten würde. Wir haben dann einen intensiven Wahlkampf geführt, an dessen Ende uns die Wähler/innen ihr Vertrauen geschenkt haben. Wir haben das Mandat übernommen und ein Präsidium gebildet, das aus einem Präses und 6 Vizepräsides besteht – und davon darf ich jetzt einer sein.

Susana: Sie können dabei sicher viele interessante Eindrücke gewinnen?
Herr Mücke: Die Handelskammer schon als Gebäude ist sehr beeindruckend. Sie ist 352 Jahre alt, eine altehrwürdige Institution. Es tut sich ein Spannungsfeld auf: Die Tradition bewahren, sich der traditionellen Verantwortung bewusst sein und auf der anderen Seite muss man sich immer wieder neu erfinden, neu erschaffen, weil man sonst den Anschluss an die Realität verliert. Wir arbeiten alle ehrenamtlich. Es macht mir viel Spaß, etwas verändern zu können. Und wie ich zur Begrüßung schon erzählte, hatte ich damals als Schüler eine Schülerzeitung gegründet, weil wir keine hatten und ich fand, dass es Zeit war, das zu verändern. Diesen unternehmerischen Geist, den habe ich mir erhalten. Das macht es auch heute noch spannend.

Susana: Welche Ratschlag können Sie allen Jugendlichen geben?
Herr Mücke: Neugierig zu sein, ist ganz wichtig. Immer Fragen zu stellen, auch mal Dinge in Frage zu stellen. Und wenn man der Meinung ist, dass mal etwas getan werden sollte, den Mut zu haben, es selbst zu tun. Viele sagen: „man hätte“, „man sollte“, „man könnte“. Sagt: „Komm, wir machen es einfach!“ Im Zweifel einfach mal machen – und: gründen!

Susana: Wer ist eine starke Frau in ihrem Leben?
Herr Mücke: Natürlich meine Frau. Sie ist die allerstärkste Frau, die ich kenne.

Susana: Vielen Dank für das Gespräch.

André Mücke
… ist Vizepräses der Handelskammer Hamburg
… ist Geschäftsführer von DSA YOUNGSTAR
… empfiehlt folgende Angebote der Handelskammer Hamburg:
Marktplatz der Begegnungen
Kompetenzfeststellung für Geflüchtete
IHK-Lehrstellenbörse
Aus- und Weiterbildungsservice
Jugendberufsagentur Hamburg

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